Gastbeitrag: Die umstrittene Frage der deutschen Schulen in Südtirol
von Carlo Grante
02. September 2025
Die umstrittene Frage der deutschen Schulen in Südtirol
Ich gebe zu, einen gewissen Neid auf diejenigen zu hegen, die hier in Südtirol mit Beherrschung der beiden Hauptsprachen Deutsch und Italienisch aufgewachsen sind. Derselbe Neid gilt auch denen, die zwar nicht zweisprachig sind, aber das Glück haben, auch die deutsche Sprache zu beherrschen, die bekanntermaßen extrem schwer zu lernen ist. Ich bin erstaunt darüber, dass diese Sprache von vielen Nicht-Muttersprachlern nur als Verkehrssprache angesehen wird, die bei der Kommunikation hilft, bei der Arbeit hilft und von der Mehrheit der Einwohner gesprochen wird. Das trifft im praktischen Sinne des Alltags zu; allerdings sehe ich nie, dass das Thema „Deutsche Sprache“ an sich angesprochen wird, als eine Sprache, die im Laufe ihrer Geschichte mehr als jede andere ein so hohes Maß an Organik und Tautologie erreicht hat, dass sie aufgrund der Werte, die sie mit sich bringt, an die altgriechische Sprache erinnert. Heidegger docet, und viele andere scheinen ihm in diesem Punkt zuzustimmen.
Das Thema des Schulbesuchs in deutscher Sprache hier in Südtirol durch Nicht-Muttersprachler ist wieder aktuell. Ich habe bereits letztes Jahr in der Presse Stellung bezogen und halte es für dringend notwendig, diese Frage zu vertiefen und ihre verschiedenen Aspekte neu zu ordnen. An erster Stelle stehen dabei die Rechte und Pflichten einer Bildungseinrichtung. Man muss sich fragen, welche Rechte und Pflichten sie hat und welche Rechte und Pflichten diejenigen haben, die diese Einrichtung besuchen. Im ersten Fall muss geklärt werden, inwieweit die Schule durch ihren Unterricht in der Lage ist, inklusiv zu sein; sie kann jedoch nicht als verpflichtet angesehen werden, durch ihre Inklusivität didaktisch zu sein. Didaktik ermöglicht Inklusivität: Es ist notwendig, dass diese beiden Begriffe ihren richtigen logischen Platz haben. Inklusivität als gewünschter Effekt der Didaktik ist eine Sache; Didaktik als Nebeneffekt der Inklusivität ist eine andere. Didaktik ist ein unverzichtbarer Prozess, der seine eigenen Zeiten und Strategien hat, die optimiert werden müssen. Es ist selbstverständlich, dass in einem demokratischen, zivilisierten Land allen die gleichen Bildungschancen geboten werden sollen und nicht nur die Möglichkeit einer Bildung. Es ist ebenso selbstverständlich, dass diejenigen, die diese Chancen erhalten, sich an die Vorgaben der Bildungsstrategien anpassen müssen.
Ein weiteres Argument betrifft diejenigen in der italienischsprachigen Gruppe Südtirols, die eine Deutsche Schule einer Italienischen vorziehen und damit auf die Möglichkeit verzichten, eine Schule mit optimalem Sprachniveau in ihrer Muttersprache zu besuchen, also eine Schule, die strukturell diese Möglichkeit bietet. Bei der völlig freien und nicht erzwungenen Entscheidung, eine deutschsprachige Schule zu besuchen, ist es selbstverständlich, dass wie bei jeder freien Entscheidung Kriterien der Verantwortung Vorrang vor denen des Rechts haben. Da Italien jedoch seit Jahrzehnten von einer „Rechtskultur” und einer Gewerkschaftsbewegung geprägt ist, die manchmal eher Launen als Rechte vertritt, entsteht hier in Südtirol eine paradoxe Situation. Der italienischsprachige Schüler verfügt von der ersten Unterrichtsstunde an nicht über ausreichende Deutsch-Kenntnisse, um den Unterricht mit optimaler sprachlicher Prägnanz zu verstehen, da er einfach kein Muttersprachler ist: er benötigt eine spezifische und intensive Vorbereitung, um dieses Niveau zu erreichen.
Als Lehrer und Pianist weiß ich, dass ich niemals akzeptieren könnte, dass Bach nicht nach einer vom Komponisten selbst festgelegten Logik der Progressivität und nach dem, was seit vielen Generationen praktiziert wird, studiert wird, sondern vielmehr nach den Vorlieben des Schülers, der den Bildungsweg – das muss betont werden – seinen eigenen Bedürfnissen anpassen möchte. Wir sprechen hier nicht von Schülern mit kognitiven Schwierigkeiten und Behinderungen, die etwas ganz anderes sind und ganz andere, Rechte haben. Was hier in Südtirol geschieht: die Forderung der italienischen Gemeinschaft und einiger Politiker beider Sprachgruppen, den Unterricht in deutscher Sprache bereits ab der ersten Unterrichtsstunde an das Sprachniveau der nicht muttersprachlichen Schüler anzupassen. Wir müssen offen sagen: Dies ist eine Überforderung der legitimen Gestaltung des schulischen Lehrplans, und vom Lehrer wird verlangt, sich mit den Bedürfnissen und Schwierigkeiten der Schüler auseinanderzusetzen, die – ich wiederhole – nicht auf individuellen Schwierigkeiten beruhen, die jede Schule berücksichtigen möchte, sondern auf frei gewählten Schwierigkeiten.
Aufgrund einer Rechtskultur, die die italienische Mentalität durchdringt und die ich als Italiener sehr gut kenne, wird letztlich nicht das Recht auf Bildung, das niemand in Frage stellt, gewerkschaftlich organisiert, sondern das vermeintliche Recht, den Lehrer zu zwingen, einen Vorbereitungskurs zu vermeiden und das Sprachniveau bereits ab der ersten Unterrichtsstunde zu ändern, mit der Drohung, dass der Vorbereitungskurs zu Segregation führt. Nach dieser Logik gäbe es dann keine Institution, die mehr segregiert als das Krankenhaus, das die geeigneten Therapien verschiedenen Abteilungen zuweist und zu einer Trennung führt, die sich tatsächlich als eine integrativere Lösung für ein optimales Gesundheitsniveau darstellt. Die Forderung nach einer vorübergehenden Unterteilung, nach Verantwortung und zeitnaher Problemlösung halte ich für intellektuell unehrlich und manipulativ.
Die voreilige Konnotation, die Tendenz, hinter allem politische Hintergrunde zu betrachten, die falsche Beurteilung von irgendetwas durch verfängliche Ausdrücke wie in diesem Fall „Ghetto“ erschwert die Neutralität der realistischen und obligatorischen Bekräftigung eines unausweichlichen Prinzips der logischen Argumentation, das über jeder Argumentation schweben und uns daran erinnern sollte, dass eine solche Tendenz eine Form der „gerechtfertigten Bosheit“ und oft sogar instrumental ist. Wenn wir jemanden bitten, nicht an grüne Elefanten zu denken, muss er sie sich erst vorstellen und dann nicht an sie denken.
Carlo Grante
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