Abgesehen von den innenpolitischen Querelen, die die Arbeit von SVP, Civica per Merano und Alleanza per Merano in letzter Zeit kennzeichnen, muss die Diskussion um den Komplex "Zarenbrunn" und "Chancenhaus" noch um eine weitere Perspektive ergänzt werden.
Einige Exponenten der politischen Mehrheit empören sich darüber, dass Teile Zarenbrunns für soziale Zwecke genutzt werden könnte. Ein Bauwerk, das aufgrund seines architektonischen Wertes und seiner Geschichte eine solche Nutzung nicht verdient hätte, so liest man es in diesen Tagen aus der Presse. In dieser Aussage steckt ein historischer Irrtum und ein soziales Vorurteil.
Das soziale Vorurteil: Glauben wir wirklich, dass Menschen mit dringendem Wohnungsbedarf es nur verdienen, in einem Arbeiterviertel zu leben? Glauben wir wirklich, dass unsere MitbürgerInnen in Kategorien eingeteilt werden müssen und, weil sie es gerade schwieriger im Leben haben, dürfen sie nicht in schönen Gebäuden wohnen? Wer darf und wer darf nicht in die Villa Katharina? Getrennte Väter und Mütter, Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben und sich um einen neuen bemühen, die „Working Poor“ von Meran, kinderreiche Familien, die auf dem privaten Markt keine bezahlbare Wohnung finden. Soll man ihnen ernsthaft sagen, dass ein Teil unserer Stadt für sie tabu ist um sie somit noch näher an den Rand der Gesellschaft zu rücken? Das Weltbild dahinter: den Reichen gehört die Stadt und die Arbeitenden und Armen sollen am Stadtrand bleiben, am besten still und unsichtbar.
Was den historischen Irrtum anbelangt, so genügt ein Blick ins Innere der beiden Gebäude, um festzustellen, dass das Hauptgebäude in der Vergangenheit als Klinik/Altersheim genutzt worden ist: Einzelzimmer mit angeschlossenen Bädern, Gemeinschaftsräume, Küchen im Untergeschoss. Ähnlich verhält es sich mit dem Nebengebäude: Es ist in Wohnungen unterteilt und wurde bereits in der Vergangenheit für die Unterbringung von Menschen mit Wohn- und Pflegebedarf genutzt. Das war damals ganz selbstverständlich. Es gibt also keinen Skandal, wenn davon gesprochen wird, die Villa Katharina wieder für soziale Zwecke zu nutzen.
Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft: Angesichts der internationalen Lage wird es für Russland in den kommenden Jahren (und es werden nicht wenige sein) sehr schwierig sein, eine andere internationale Rolle zu spielen als heute.
Bis sich die internationale Lage beruhigt hat und Teile von Zarenbrunn wieder für Kulturinitiativen genutzt werden könnte, wird noch einige Zeit vergehen. In der Zwischenzeit wird die Wohnungsnot in Meran nicht beendet sein. Können wir uns leere und ungenutzte öffentliche Räume leisten, während alle Daten bestätigen, dass der Wohnungsnotstand in unserem Land (aus demographischen, wirtschaftlichen und sozialen Gründen) ein strukturelles Problem der Gegenwart und Zukunft ist? Es ist die Pflicht derjenigen, die jetzt die politische Verantwortung tragen, darauf zu reagieren, ohne zu streiten oder zu verzögern, sondern das Gemeinwohl über alles zu stellen, insbesondere über Parteiinteressen.





