Wenn Stroh zu Gold wird
Die Kunst des Strohhut-Flechtens
Im Frühling 2026 von Eva Pföstl
Franziska Kaufmanns Hände bewegen sich schnell und sicher. Vier Strohhalme werden zu einem kunstvollen Zopf. Was einfach aussieht, ist ein jahrhundertealtes Handwerk, das kaum noch jemand beherrscht. Die 82-Jährige ist eine der letzten Meisterinnen ihrer Zunft in Südtirol.
„Meine Großmutter hat mir viele Handwerkstechniken beigebracht“, erzählt
Claudia Baur Staffler. Die Meranerin sitzt an diesem Nachmittag bei Franziska und Toni Kaufmann am Küchentisch in Verdins. „Aber das Zopfen von Strohhüten, das konnte sie nicht. Also habe ich dafür jemanden gesucht.“
Durch Zufall fand sie das Ehepaar Kaufmann. Franziska, Jahrgang 1942, und ihr Mann Toni, Jahrgang 1941. „Sie ließen sich nicht lange bitten“, sagt Claudia und lächelt. Was als Unterricht begann, wurde Freundschaft.
Heute verbindet die drei mehr als das gemeinsame Handwerk. „Es geht um weit mehr als nur Technik“, sagt Claudia. „Es geht um Wertschätzung. Um das Bewahren. Um Geduld.“
Wenn die Hände nicht gehorchen
Die ersten Versuche? „Frustrierend“, gibt Claudia zu. Die Strohbänder verrutschen. Die Spannung stimmt nicht. Das Muster wird ungleichmäßig. „Die erste Zeit habe ich mehr aufgetrennt als fertiggestellt“, lacht sie.
Franziska nickt wissend. Sie weiß, wie viel Übung es braucht. Wie viel Durchhaltevermögen. „Man muss das Stroh spüren lernen“, sagt sie. Heute sind Claudias Hüte wunderschön. Und begehrt.
Die Suche nach dem richtigen Stroh
Nicht jedes Stroh taugt für einen Hut. Es muss Roggenstroh sein. Weizenstroh ist zu hart. „Früher war es schwierig, geeignetes Material zu bekommen“, erzählt Franziska. Claudia bekommt ihr Stroh mittlerweile von Herrn Schötzer aus Lana, er baut das Roggenstroh am Vigiljoch an. Biologisch und ohne Spritzmittel. Es muss schön sein. Nicht zu dick. Gleichmäßig. „Gutes Material zu finden, das ist eine der größten Herausforderungen geworden“, sagt sie.
Neun Meter für einen Hut
Neun Klafter verzopftes Roggenstroh braucht es für einen einzigen Hut. Der Prozess ist aufwendig. Nach dem „Ofisln“ werden die „Knöpfe“ herausgeschnitten. Von einem ganzen Strohhalm – eineinhalb bis zwei Meter lang – kann man nur die mittleren zwei Halme verwenden. Der Rest ist Abfall. Vor dem Zopfen kommen die Halme 15 Minuten ins heiße Wasser. Dann geht es los. „Vier ungleich lange, aber gleich dicke Halme werden verzopft“, erklärt Franziska. Ihre Finger fliegen dabei über das Material.
Die Kunst des „Unstuckens“
„Ist der Halm fertig, wird ein neuer 'ungestuckt'“, sagt Franziska. „Und das ist schwierig.“ Diese Technik zeigt ihr wahres Können. Nahtlos fügt sie neue Halme ein. Kein Knick. Kein Bruch. Perfektion.
Die hervorschauenden Enden werden abgeschnitten – „Scheren“ nennt man das. Dann kommt die Nudelwalze. Das feuchte, gezopfte Band muss gleichmäßig flach werden.
Teamarbeit am Küchentisch
18 Runden werden zum Hut zusammengenäht. Acht davon für die Krempe. Die Arbeit teilen sich Franziska und Toni. „Sie hat mir das Nähen beigebracht“, sagt Toni. „Ich war immer der ‚Näher‘. Bis heute.“