Essstörung - Wie können Vertrauensärzte gezielt helfen?

18. August 2025

Essstörungen nehmen seit Corona in Südtirol um ca 35 Prozent zu. Auch das Bewusstsein der Familien und der Betroffenen selbst, sich rasch Hilfe zu holen, ist gestiegen. Das verdankt das Land den unentwegten Bemühungen um Aufklärung, die eine Gruppe von Fachleuten der INFES unter der Leitung von Raffaela Vanzetta betreibt.  Aber auch das Netzwerks für Essstörungen EATNET mit inzwischen mehr als 40 Vertretern macht klar: Hilfe ist möglich und soll rasch geleistet werden.

Dieses Netzwerk betreibt vier Fachambulanzen für Essstörungen in Bozen, Meran, Brixen und Bruneck. An ihnen arbeiten verschiedene Berufsbilder, im Wesentlichen Fachärzte, Psychologen und Ernährungsberater eng zusammen, um die aktuell tödlichste psychische Krankheit Magersucht, aber auch Ess-Brechsucht und Rauschessen zu bekämpfen. Der Einstige in eine Behandlung ist meistens eine Erstvisite bei einem Ernährungsmediziner oder Internisten. Dieser kann den körperlichen Gefährdungsgrad von stark ausgehungerten oder fehlernährten Menschen rasch feststellen und notwendige Gegenmaßnahmen einleiten.

Betroffene sind, wenn sie magersüchtig sind, nicht immer einverstanden. Sie erleben ihren Körper viel zu dick, obwohl er ausgemergelt ist. Sie haben panische Angst vor Gewichtszunahme. Sie führen Behandler hinters Licht und täuschen mehr Körpergewicht vor, damit sie in Ruhe gelassen werden. An Bulimie Leidende schämen sich ihrer Ess- und Brechanfälle und halten sie möglichst geheim. Auch da kann die Motivation, sich helfen zu lassen, gering sein.

Deshalb und auch weil die Umwelt die Störung lange Zeit verkennt und keinen Druck aufbaut, erfolgen Beratungen bei den Vertrauensärzten oder bei INFES sehr spät. Oft sind es die Angehörigen, die Eltern, die sich Beratung als Erste holen, während Betroffenen von Hilfe nichts wissen wollen. Oft muss abgewartet werden, biss sie selbst unter dem Druck der Familie bereit sind, sich beim Ernährungsmediziner oder Internisten behandeln zu lassen. Hingegen haben sie nichts gegen medizinische Untersuchungen, die führen sie bereitwillig durch. In diesem Sinne sollte eine kluge Vorbereitung getroffen werden, damit die Abschätzung der Gefahr und der Beginn der Behandlung gezielt erfolgen können.

EATNET ersucht deshalb die Allgemeinmediziner, Patienten mit Verdacht auf Essstörungen ein EKG und folgende Laborbefunde machen zu lassen: Blutbild und Differentialblutbild, Na, K, Cl, Ca und Phosphat, Triglyzeride, Cholesterin, HDL-Cholesterin, Kreatinin, Blutzucker, GOT, GPT. Gamma-GT und CK,  Harnstoff, Eiweiß und Eisen im Blut, Ferritin, TSH basal, FT4 und FT3 (Schilddrüsenhormone) und Vitamin D. Danach können sie zugewiesen werden.

Mit diesen Befunden in der Hand kann der Internist oder Ernährungsmediziner rasch entscheiden, was zu tun ist. Italien hat mehrere Todesfälle wegen zu später Behandlung von Magersucht zu beklagen, und Südtirol ist da keine Ausnahme: Das letzte Opfer war eine 61jährige Ärztin und verstarb im Herbst 2024. Das Gesundheitsministerium in Rom hat deshalb verfügt, dass Menschen, die einen Body-Mass-Index (Kennzahl für Gewicht durch Körpergröße zum Quadrat) von 12 oder weniger haben, oder sonstwie lebensgefährdet sind, unbedingt im Krankenhaus aufgenommen werden müssen.

In Südtirol möchten wir vorbauen und Patienten bereits früher aufnehmen. Dann findet Heilung rascher und besser statt. Die Abteilungen, die dazu für Volljährige bereitstehen müssen, sind die Intensivstation, die innere Medizin und die Psychiatrie. Minderjährige hingegen kommen an die Pädiatrien oder zur Erstdiagnose auch an die Innere Medizin, wenn sie zwischen 14 und 18 Jahre alt sind. Wir werden in einzelnen Fällen aber auch eine Intensivstation benötigen, die ausgehungerte Minderjährige aufnimmt.

Erstkontakt:          Bozen unter 14 Jahren 0471 435353 oder 435533, über 14 Jahren 0471 300389

                               Meran 0473 251250 (9.00-11.00 Uhr)

                               Brixen unter 18 Jahren 0472 812670,  

ab 18 Jahren 0472 812711

                               Bruneck unter 18 Jahren 0474 370402,

ab 18 Jahren 581136 oder 586340

 

Roger Pycha, Koordinator EATNET


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