Lisi Niedermair Ortner und ihre Leidenschaft für die Lauben
Seit 1988 prägt sie das Traditionsgeschäft Kikinger – und wacht über die Meraner Innenstadt
Im Frühling 2026 von Eva Pföstl
Seit 1845 ist die Familie Kikinger-Ortner fester Bestandteil der Meraner Geschäftswelt. Alles begann, als Eduard Kikinger aus dem bayerischen Passau nach Meran kam und vom Magistrat die Konzession zum Seifensieden sowie das Bürgerrecht erhielt. 1913 übernahm der geschäftstüchtige Alfons Ortner aus Innichen das Geschäft – ein Wendepunkt in der Familiengeschichte. Als in den 1920er-Jahren Gerbereien, Färbereien und Seifensiedereien aus dem Stadtkern verbannt wurden, errichtete er in Marling nahe des Untermaiser Bahnhofs eine moderne Seifenfabrik. Sein Sohn, ebenfalls Alfons, führte die Produktion mit Leidenschaft weiter, bis die Erfindung der Waschmaschine und die Verbreitung von Schaumbädern die Seife in eine tiefe Krise stürzten. 1971 wurde der letzte Sud durchgeführt, die Fabrik schloss. Heute beherbergt das Gebäude das Bistro und den Concept-Store „Im Kult“, heute im Besitz der Familie Eisenkeil. Das Verkaufsgeschäft selbst wanderte von den oberen Wasserlauben 1929 ins Haus der Sparkasse, wo 1936 die noch heute erhaltene Nussholzfassade entstand.
Seit 1988 führen Erich und Elisabeth „Lisi“ Ortner das Geschäft. Vor sieben Jahren stieg Sohn David in die Firma ein – die sechste Generation, die das Traditionsgeschäft unter den Meraner Lauben weiterführt.
Lisi Niedermair Ortner hütet ihren Laden mit der originalen Nussholzfassade weiterhin wie ihren Augapfel. Und die ganze Meraner Innenstadt gleich mit dazu. Bei unserem Treffen erzählt sie von früher – und noch mehr von dem, was ihr heute nicht passt.
Vom Lehrmädchen zur Chefin – oder: Wie man die große weite Welt sucht und in Meran landet
Lisi Niedermair Ortner kam in den 1960er-Jahren als Lehrmädchen ins damalige Seifengeschäft. Erich Ortner, ihr heutiger Mann, war damals ein zwölfjähriger Lausbub in Lederhosen, der durchs Geschäft flitzte. Doch der aufgeweckten jungen Frau wurde es bald zu eng in Meran: „Ich konnte es nicht erwarten, die große weite Welt kennenzulernen.“ Über eine Bekannte bekam sie eine Stelle in Nagold im Schwarzwald. „Nagold war erträglich, weil es dort eine Textilschule von Weltrang gab. Viele junge Leute kamen aus dem Ausland.“ Später wechselte sie in eine Gaststätte, wo sie mit der Tochter des Besitzers den Tanzkeller schmiss – inklusive gelegentlicher Ausflüge nach Stuttgart mit dem heimlich geliehenen Mercedes des Chefs.
Dann war genug. Lisi kehrte nach Meran zurück und fand Arbeit im Friseursalon Atlantik. Eines Tages stand Erich vor der Tür, inzwischen ein ausgebildeter Maschinenschlosser. „Er fragte, ob ich mit ihm tanzen gehe. Da er im Ruf stand, ein guter Tänzer zu sein, nahm ich die Einladung an.“ Als Kikingers Geschäftsführer in Pension ging, boten Erichs Eltern ihr die Leitung an. „So wurde ich ‚vom Lehrmädchen zur Chefin', wie meine beiden Söhne immer sagen.“
Eigenwillig ging die resolute Frau auch das Eheleben an. Geheiratet wurde erst, als Erstgeborener Johannes bereits auf der Welt war – und dann auch nur standesamtlich. Anfang der 1970er-Jahre in Meran „ein Skandal“. „Meinem Vater zuliebe haben wir die kirchliche Trauung später auf Schloss Schenna nachgeholt.“
Auch im Geschäft krempelte sie allerhand um. Den Zeitgeist erkannte sie früh und stellte konsequent auf Naturkosmetik um. Dem Produkt Seife blieb sie treu, auch in schwierigen Zeiten. Ihre Philosophie: „So viel natürliche und hochwertige Produkte wie möglich – von mundgeblasenen Christbaumkugeln über spezielle Kerzen bis zur Naturkosmetik. Sachen, die es im Supermarkt einfach nicht gibt.“
Dass Lisi Niedermair Ortner Angst hätte aufzufallen, kann man ihr nicht vorwerfen. „Scheinheiligkeit mag ich nicht“, erklärt die dreifache Großmutter. Dinge einfach hinzunehmen fällt ihr schwer – manchmal zum Leidwesen ihres zurückhaltenden Ehemannes und ihres Sohnes David. Zu sagen hat sie viel, und kritisches Denken fehlt ihr nicht.
„Wir haben unsere Identität verloren“
„Wenn ich in den Lauben stehe und meinen Blick zur Zielspitze schweifen lasse, bin ich glücklich“, sagt Lisi. Ein kurzer Moment der Seligkeit. Dann senkt sich der Blick, und die Realität holt sie ein: „Schau dich doch um – wie unsere schöne Stadt verschandelt wird! Historische Geschäfte und Gasthäuser verschwinden zunehmend, das Authentische geht verloren. Der zunehmende Gebrauch des Englischen verdrängt unsere wunderschönen Landessprachen. Wenn ich nur an den Ausdruck ‚Farm Food Festival‘ denke, wo regionale Produkte angeboten werden – mit so einem Titel!“ Sie schüttelt den Kopf. „Wir werden immer kulturloser, haben unsere Identität verloren.“
Je mehr Ladenketten sich unter den Lauben breitmachen, desto mehr Charme gehe verloren. „Dinge, die kein Mensch braucht, alles übertrieben.“ Vielleicht brauche es ja ein paar Ketten, räumt sie ein, aber die Einheimischen suchten diese doch nicht unter den Lauben. „Und die Touristen schon gar nicht – die wollen doch was Authentisches, Regionales, etwas, das sie zu Hause nicht finden.“ Selbst langjährige Stammkunden klagen. Kürzlich hätten zwei gemeint: „Manchmal haben wir das Gefühl, Rom sei authentischer geblieben als Meran.“ Autsch.