Der Aufklärer, die Liebe und die Deutschen
Im Herbst 2025 von Georg Schedereit
Soweit man weiß, war der Philosoph Immanuel Kant nur einmal nahe dran zu heiraten, blieb aber zeitlebens Junggeselle. Als prominenter Aufgeklärter weiß er selbst natürlich alles über die Liebe in Europa. Glaubt er wenigstens, wenn er schreibt:
„In der Liebe haben der Deutsche und der Engländer einen ziemlich guten Magen, etwas fein von Empfindung, mehr aber von gesundem und derbem Geschmack. Der Italiener ist in diesem Punkte grüblerisch, der Spanier phantastisch, der Franzose vernascht.“
Der Weiblichkeit spricht Kant ja einen besonderen Sinn fürs Schöne zu, den Männern hingegen eher einen Sinn fürs Erhabene, zudem „eine Pflicht zum Edlen“. Nach dem gleichen einfachen Muster schön versus erhaben und edel ist auch Kants kleine Völkerkunde gestrickt. Hier einige weitere Zitate zum Stirnrunzeln, wenn Sie mögen, oder zum Schmunzeln, nicht zuletzt über die Eigenarten des damaligen Sprachgebrauchs, die uns ein wenig belustigen können, wenn wir genau hinhören.
Kant zum Vergnügen heißt denn auch ein Büchlein von Volker Gerhardt, einem Kant-Forscher von Rang. Daraus möchte ich Sie nun aufklären über den einen oder anderen kleinen Unterschied, den der größte Aufklärer der Deutschen vor 250 Jahren zwischen seinesgleichen und den Engländern festgestellt zu haben glaubt:
„Der Engländer ist im Anfange einer jeden Beziehung kaltsinnig und gegen einen Fremden gleichgültig. Er hat wenig Neigung zu kleinen Gefälligkeiten; dagegen wird er, sobald er ein Freund ist, zu großen Dienstleistungen auferlegt … Er ist verständig und gesetzt, … frägt nicht viel darnach, was andere urteilen und folget lediglich seinem eigenen Geschmacke. Er ist standhaft, bisweilen bis zur Hartnäckigkeit, kühn und entschlossen, oft bis zur Vermessenheit und handelt nach Grundsätzen gemeiniglich bis zum Eigensinne. Er wird leichtlich zum Sonderling, nicht aus Eitelkeit, sondern weil er sich wenig um andre bekümmert und seinem Geschmack aus Gefälligkeit oder Nachahmung nicht leichtlicht Gewalt antut; um deswillen wird er selten so sehr geliebt als der Franzose, aber, wenn er gekannt ist, heimlich mehr hochgeachtet.“
Und der Deutsche?