Sokrates 5
Im Herbst 2025 von Georg Schedereit
Sokrates, der erste große Fragesteller der Philosophiegeschichte, bezeichnet sich nicht als Weiser, sondern als Freund der Weisheit: als Philosophos, diesen Titel akzeptierte er. Von Sokrates ist aber keinerlei theoretisches System überliefert. Doch sein Leben, das ist zu 100 % gelebte Philosophie: Er geht unter die Leute. Er tritt dem Einzelmenschen nahe. Mit Vorliebe dem, der eh schon alles zu wissen glaubt. Mit behutsamen Fragen und beharrlichen Nachfragen regt er an zu selbständigem, auch selbstkritischem Denken.
So erweckt Sokrates als erster Philosoph im Gespräch mit jedem Gegenüber einen Prozess des Sich-Selbst-Bewusst-Werdens, die individuelle Selbst-Bestimmung eines guten Lebens, sinnerfüllt, genügsam, gerecht. Als homo sapiens, aber auch als zoon politikon: überzeugt, dass Demokratie sich lohnt: Mitdenken, Mitarbeiten, Mitbestimmen in einem wertegeleitet und regelbasiert funktionierenden Gemeinwesen. Im Einklang mit sich und der Welt und mit dem großen Ganzen, das auch Sokrates göttlich nennt.
Die alte Vielgötterei und all die menschlich-allzumenschlichen Anekdoten darum herum interessieren Sokrates nicht. Auch Spekulationen über höhere Naturgewalten oder zu Übernatürlichem sind seine Sache nicht. Göttliches leugnet er nicht, aber wir können nicht wissen, ob es von uns zu fassen oder zu beeinflussen sei – unser eigenes Verhalten hingegen können wir versuchen, in den Griff zu bekommen, genauso wie unsere Bildung und Herzensbildung.