Die hohe Kunst der Geringschätzung
Im Herbst 2025 von Der Stieglitz
Liebe Frau Bügermeisterin Zeller, leider haben Sie und Ihre subalternen Adlaten auf der ganzen Linie versagt!
Nach vierzig Jahren unermüdlicher Arbeit, die das südtirol festival meran zu einem internationalen Kulturmagneten gemacht hat, war es endlich soweit: Die Gemeinde Meran fand die Zeit, sich zu überlegen, wie man den Organisatoren angemessen danken könnte.
Und siehe da – die Lösung war so einfach wie genial: eine Ehrenurkunde! Nicht etwa die Ehrenbürgerschaft, die würde ja bedeuten, dass man diese Leute tatsächlich als gleichwertige Mitglieder der Gemeinschaft betrachtet. Nein, eine hübsche Urkunde, vermutlich laminiert und mit Goldrand, das muss reichen. Man stelle sich vor, was passiert wäre, hätte die Gemeinde tatsächlich die Ehrenbürgerschaft verliehen. Die Organisatoren hätten womöglich gedacht, ihre jahrzehntelange Arbeit für das kulturelle Ansehen Merans sei wirklich etwas wert. Welch gefährlicher Präzedenzfall! Da könnten ja andere auf die Idee kommen, dass kontinuierliche, erfolgreiche Arbeit für die Stadt auch entsprechende Wertschätzung verdient.
Der Vergleich mit anderen Städten macht die Angelegenheit besonders pikant: Salzburg verlieh Helga Rabl-Stadler 2018 die Ehrenbürgerschaft für ihre Präsidentschaft bei den Salzburger Festspielen „bereits“ nach 23 Jahren. Ein schönes Beispiel dafür, wie andere Gemeinden ihre Kulturschaffenden zu würdigen verstehen – ein Konzept, das in Meran offenbar noch nicht vollständig angekommen ist.