Karl Stanzel - Traditionsbetrieb seit 1889
Im Herbst 2025 von Eva Pföstl
Seit 1889 steht der Name Stanzel für Qualität und Tradition in der Unterwäsche-, Bademoden- und Hemdenbranche – eine beeindruckende Erfolgsgeschichte, die sich über vier Generationen erstreckt und heute vor den größten Herausforderungen ihrer langen Historie steht.
Die Gründerjahre
Johann Baptist Mahlknecht wurde 1851 in St. Christina in Gröden geboren und war zunächst als Gastwirt in Naturns-Kompatsch tätig. Als er hörte, dass sich in der aufstrebenden Kurstadt Meran gutes Geld verdienen ließ, fasste er den Mut zur Veränderung. Er übersiedelte nach Meran und begann zunächst in einem Zimmer in den Oberen Lauben seine kaufmännische Tätigkeit, bis er schließlich 1889 in den Unteren Wasserlauben das Haus Nr. 123 (heute 329) für 11.650 Gulden erwarb.
Im Erdgeschoss befand sich damals ein Gastbetrieb, den Mahlknecht in ein Handelsgeschäft für Stoffe und Monopolwaren umwandelte. Seine Lieferanten fand er im gesamten Gebiet der alten Donaumonarchie – von Budweis in Böhmen bis Belgrad in Serbien.
Die Stoffballen wurden mit Kraxen zu den Muthöfen getragen, wo man sie mit Wasser angefeuchtet zum Bleichen auf Holzständer in die Sonne hängte. Hinter dem Laubenhaus erstreckte sich ein Kuhstall mit dazugehöriger Weide bis zur Habsburgerstraße (heute Freiheitsstraße). Durch das Gelände floss der offene Stadtbach, der als Viehtränke diente. Aus der Ehe mit Karolina Prinoth gingen zwei Kinder hervor: Hans und Amalie. Der als Erbe vorgesehene Sohn Hans verunglückte am 24. Mai 1914 tödlich am Grasleitenturm in den Dolomiten. Nach dem Tod des Vaters 1919 musste Tochter Amalie den Betrieb übernehmen. 1920 heiratete sie den gelernten Friseur Karl Stanzel, der dem Geschäft nach dem Umbau 1932 seinen Namen gab – einen Namen, der bis heute erhalten blieb. Aus dieser Ehe entstammten vier Kinder: Karl, Mali, Friedrich und Martha. Die Familie bewohnte das oberste Stockwerk des Laubenhauses. Da Amalie als rechtmäßige Erbin großen Wert darauf legte, im Betrieb präsent zu sein, beschäftigte sie ein Kindermädchen und eine Köchin. Die Sommermonate verbrachte die Familie in dem 1928 erworbenen Sommerfrischhaus auf dem Vigiljoch.
Leid und Folgen der beiden Weltkriege
Die faschistische Regierung brachte das Verbot alles Deutschen mit sich. Der Gebrauch der deutschen Sprache war in Wort und Schrift bei Strafe untersagt, deutschsprachige Schulen und alle anderen deutschen Einrichtungen wurden verboten. Die Kinder erhielten daher heimlich Unterricht in der elterlichen Wohnung durch den seines Amtes enthobenen Grundschullehrer und Hausfreund Robert Kaser. Gefürchtet waren die „Schwarzhemden“ – die faschistischen Schlägertrupps, die regelmäßig im Geschäft aufmarschierten und das ohnehin spärliche Tagesinkasso einforderten.
Friedrich war wie sein Bruder Karl Sänger in der „Choralschola“ der Stadtpfarrkirche. Ihre gesanglichen Fähigkeiten waren dabei weniger entscheidend als die Ehre ihrer Mutter, die weißen Chorröcke im kirchlichen Auftrag schneidern und unentgeltlich zur Verfügung stellen zu dürfen.
Der Hunger während der Kriegsjahre
Als Städter war man benachteiligt, wenn man keinen Bauern kannte oder in der Verwandtschaft hatte. Mit dem Mann und den beiden Söhnen im Krieg und den beiden Töchtern als Lehrerinnen im Arbeitsdienst war die Familie zersplittert. Besonders schmerzhaft war der Verlust des Sohnes Karl, der 1944 an der Ostfront in Odessa fiel.
Als das Geschäft kein Auskommen mehr bot, zog Amalie mit Foxterrier Bäri in das Sommerfrischhaus aufs Vigiljoch, wo sie hoffte, von den Bauern der darunterliegenden Pawigler Höfe Essbares zu erhalten. Fündig wurde sie jedoch im Jocher-Hotel, wo die Nazigrößen des Südfrontabschnittes auf Urlaub weilten und Lebensmittel aller Art – sogar Champagnerflaschen – auf der Hotelrückseite im Wald „entsorgten“.
Am schlimmsten waren die „Hundertprozentigen“ – jene zivilen Parteigenossen, die aus Angst vor dem Fronteinsatz fanatisch zu Hause agierten und einige Jahre zuvor schamlos das schwarze gegen das braune Hemd getauscht hatten. Als Sohn Friedrich einmal auf Fronturlaub in seiner Heimatstadt weilte und nichtsahnend das Licht anmachte, wollte man seine Mutter wegen Missachtung der Verdunkelungsbestimmungen verhaften. Nur seine Uniform und die gezückte Pistole verhinderten dies. Die Macht der Uniform verschaffte ihm auch die Mitgliedschaft im damaligen deutschen Alpenverein. In Zivil wurde er gelangweilt abgewimmelt, in Uniform sofort aufgenommen.
Aufbruchsstimmung in den Nachkriegsjahren
Im Geschäft galt die Sechs-Tage-Woche, der Sonntag war heilig. Samstags hatte man auch nachmittags geöffnet, in der Adventszeit galten der Silberne und der Goldene Sonntag als verkaufsoffen. Am Heiligen Abend blieb das Geschäft länger geöffnet, da es einige Meraner Bürger als „schick“ empfanden, die erworbenen Weihnachtsgeschenke direkt zur Bescherung – selbstverständlich zu Fuß – geliefert zu bekommen. Die Fronleichnamsprozession machte noch die große Runde über die Freiheitsstraße zum Theaterplatz, von dort über den Rennweg zur Laubengasse und zurück zur Pfarrkirche. Man schmückte die Fenster mit Geranien und Kerzen, vom Balkon im obersten Stock hingen die weiß-rote Tiroler- und die gelbweiße Kirchenfahne.