„Feminismus ist eine Haltung, die uns alle betrifft
Im Winter 2026 von Eva Pföstl
Julia Aufderklamm ist die neue Direktorin des Frauenmuseums Meran. Die studierte Literaturwissenschaftlerin will das Museum zu einem lebendigen Ort des Austauschs machen, der historische Leerstellen schließt und Brücken zur Gegenwart schlägt. Ein Gespräch über Frauengeschichte, die Kraft der Literatur und warum man stolz sein sollte, Feministin zu sein. Das Frauenmuseum versteht sich daher nicht als Nischenprojekt, sondern als zeitgemäße Institution.
MS: Was hat Sie dazu bewogen, die Leitung des Frauenmuseums Meran zu übernehmen?
Julia Aufderklamm: Nach zehn Jahren in der Leseförderung habe ich gemerkt, dass ich mich beruflich weiterentwickeln und neue Verantwortung übernehmen möchte. In dieser Zeit konnte ich umfangreiche Erfahrungen im Vereinswesen und in der Organisation kultureller Projekte sammeln, die ich nun in diese neue Aufgabe einbringe. Schon seit meiner Studienzeit beschäftigen mich Fragen nach gesellschaftlichen Rollen- und Machtverhältnissen. Die Entscheidung, das Frauenmuseum Meran zu leiten, war daher kein plötzlicher Entschluss, sondern ein Prozess.
Warum braucht es heutzutage eigentlich noch ein spezifisches Museum für Frauen?
Unsere Geschichtsschreibung ist bis heute überwiegend männlich geprägt. Frauen kommen darin oft nur am Rand vor oder bleiben ganz unsichtbar. Diese strukturelle Unsichtbarkeit führt zu einer Art Geschichtslosigkeit, der wir im Frauenmuseum bewusst entgegentreten. Unser Ziel ist es, das Wirken und Schaffen von Frauen sichtbar zu machen und als wichtigen Teil unserer Geschichte zu verankern.
Dass dem Frauenmuseum seine Bedeutung immer wieder abgesprochen wird, ist dabei bezeichnend. Die Existenzberechtigung eines archäologischen Museums würde man wohl kaum anfechten. Genau darin zeigt sich, wie wenig Wert dem Wirken von Frauen in unserer Gesellschaft noch immer beigemessen wird. Das Frauenmuseum versteht sich daher nicht als Nischenprojekt, sondern als zeitgemäße Institution, die historische Leerstellen schließt und Impulse für aktuelle gesellschaftliche Debatten gibt.
Was fasziniert Sie besonders an der Museumsarbeit mit Fokus auf Frauengeschichte?
Mich fasziniert, dass Frauengeschichte im Museum oft unmittelbar erfahrbar ist. Viele Besucher:innen erkennen darin eigene Geschichten und historische Alltagsobjekte aus ihrer Familie und Kindheit wieder. Das Museum erzählt damit nicht nur Vergangenes, sondern ermöglicht Identifikation und zeigt, dass Geschichte bis in unsere Gegenwart hineinwirkt.
Welche Vision haben Sie für das Frauenmuseum Meran?
Kurz gesagt, ein offenes, lebendiges Museum, das Frauengeschichte sichtbar macht, Bezüge zur Gegenwart herstellt und als Ort des Austauschs wirkt.
Welche Schwerpunkte möchten Sie setzen?
Aufgrund meiner bisherigen Laufbahn liegt es auf der Hand: Ein Schwerpunkt wird Literatur sein. Literatur erzählt Geschichten von Frauen, macht ihre Perspektiven sichtbar und zeigt gesellschaftliche Strukturen auf. Zudem verfügt das Frauenmuseum über eine umfangreiche Fachbibliothek, aus der wir schöpfen können, um Literatur als verbindendes Element in Ausstellungen, Projekten und Bildungsarbeit zu integrieren.
Wie wollen Sie jüngere Generationen für das Museum begeistern?
Junge Menschen fürs Museum zu begeistern heißt für mich, sie aktiv einzubinden. Sie sollen nicht nur Inhalte konsumieren, sondern mitreden, mitgestalten und ihre Perspektiven einbringen. Das kann zum Beispiel in Projekten, Workshops oder kuratorischen Formaten wie dem Gestalten einer unserer Gastvitrinen geschehen. So werden sie direkt mit den Inhalten konfrontiert, und das Museum wird zu einem Ort der Diskussion und des Lernens.