Der Briefnachlass der Dorothea Platzer
Ein Dachbodenfund erzählt Geschichte
Dorothea Platzer war das Kind armer Leute. Am 20. Juli 1909 als Dorothea Marth geboren, konnte sich die Tochter zweier „Zugereister“ dennoch ihren Platz in der Welt erobern. In der vom Faschismus geprägten Zwischenkriegszeit gehörte sie zu den wenigen Frauen aus der Arbeiterschicht mit abgeschlossener Schulbildung und Matura, in Folge war sie die erste weibliche Bankangestellte der neu gegründeten Südtiroler Sparkasse. Sie beherrschte zudem Englisch als Fremdsprache – etwas, das in Südtirol damals alles andere als selbstverständlich war.
All das wussten ihre Enkel; doch als sie nach ihrem Tod den Nachlass der Großmutter ordneten, fanden sie auf dem Dachboden zwischen alten Fotografien und Büchern mehrere sorgfältig mit Bändchen verschnürte Briefbündel. Nichts deutete darauf hin, dass sich darin ein kleines Archiv mit Briefen aus aller Welt verbarg. Als Dorothea Platzer am 22. August 2003 im Alter von 95 Jahren starb, hinterließ sie eine Großfamilie, ein Haus in Lana und viele Erinnerungen. Doch wie so viele Lebensgeschichten ihrer Generation verlief auch ihr Leben bescheiden und abseits der roten Teppiche, geprägt von Fleiß und Aufopferung.
In den Kisten fanden sich Luftpostbriefe, Kartengrüße und Schreiben auf Briefpapier mit Wappen und Siegeln – von Menschen, deren Namen man sonst nur aus Geschichtsbüchern kennt: Jackie Kennedy und Konrad Adenauer, Martin Luther King, Willy Brandt und viele weitere, etwa François Mitterrand oder zahlreiche Angehörige europäischer Adelshäuser. Dorothea Platzer hatte mit berühmten und weniger berühmten Menschen auf der ganzen Welt korrespondiert. Niemand außer ihr selbst hatte diese Korrespondenzen je zu Gesicht bekommen.
Bildung als Schlüssel für eine bessere Zukunft
Dorotheas Vater Johann, Jahrgang 1881, stammte aus St. Martin im Passeiertal. Als einer von vielen Söhnen eines armen Bauern war er früh ausgewandert. Mit Fleiß und Engagement arbeitete sich der wissensdurstige junge Mann empor und wurde in Lana Straßenbahner, Trambahnfahrer, wie es damals hieß, und nebenberuflich Fotograf. In der kurzen demokratischen Phase vor dem Faschismus engagierte sich Johann Marth in der sozialdemokratischen Bewegung Südtirols und wurde sogar in den Landesvorstand gewählt – eine Episode, die bald, gemeinsam mit der jungen Sozialdemokratischen Partei Südtirols, in den Wirren des faschistischen „Ventennio“ untergehen sollte. Seine Frau Sabine Eder kam ursprünglich aus Oberösterreich, aus der ebenfalls sozialdemokratisch geprägten Arbeiterschicht der frühen Industriestadt Steyr, und arbeitete in der aufstrebenden Meraner Hotellerie.
Beide Eltern teilten die Überzeugung, dass Bildung der einzige Ausweg aus der Armut sei. So schickten sie ihre einzige Tochter – auch das eine Seltenheit – trotz großer Entbehrungen an die höhere Mädchenschule der „Englischen Fräulein“ in Meran. Dort wurde Dorothea als Mädchen vom Land von Mitschülerinnen aus besseren Häusern als „Landpomeranze“ bezeichnet. Nach der Machtübernahme durch die Faschisten, als der Unterricht in deutscher Sprache verboten wurde, besuchte Dorothea heimlich die Katakombenschulen. Später wurde sie zu ihren Verwandten nach Oberösterreich gebracht, wo sie das Klavierspiel erlernte und bei einer Lehrerin aus Dublin Englischunterricht erhielt. Zeit ihres Lebens sprach sie mit einem irischen Akzent, sehr zum Vergnügen der wenigen englischen Muttersprachler in Meran. Ebenso blieb sie Zeit ihres Lebens eine Unterstützerin der kleinen Sozialdemokratischen Bewegung Egmont Jennys.
Unternehmerin, Mutter, Briefeschreiberin
Aufgrund ihrer Schuldbildung und ihres beruflichen Werdegangs blieb Dorothea in Lana eine Ausnahmeerscheinung und war gewissermaßen eine Außenseiterin im Dorf, doch ließ sie sich von den gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit nicht unterkriegen. Dies änderte sich auch nicht, als sie 1937 den angesehenen Zimmermann und Musiker Alfons Platzer heiratete, dessen Mutter ebenfalls aus Oberösterreich stammte. Gemeinsam führten sie fortan den Zimmereibetrieb und zogen ihre sieben Kinder groß. Nach dem Abendessen, wenn die Kinder im Bett waren, nahm sie sich jedoch die Zeit, um einem ganz eigenen Hobby nachzugehen. Dabei folgte sie ihrer Intuition, eine Verbindung zur Welt herzustellen, etwas, das größer war als das Dorf, in dem sie lebte. Sie begann Korrespondenzen zu führen und tauschte sich mit Persönlichkeiten aus Politik, Adel und Wirtschaft aus. Oft wendete sie sich auch an deren Ehefrauen, gratulierte, stellte Fragen, nahm Anteil. Viele der Angeschriebenen antworteten ihr; sogar der Schah von Persien ließ Grußworte zurückschicken. Einige der Antwortschreiben und Danksagungen sind knapp und höflich, andere jedoch persönlich und ausführlicher.