„Saget Steine mir an, o sprecht ...“
Johann Wolfgang von Goethe
Im Frühling 2025 von Dr. Elfriede Zöggeler-Gabrieli
Wenn Steine der Stadtmauer und -häuser von Meran reden könnten, würden sie uns viel erzählen, beispielsweise vom Mythos der Maultaschburg oder über die Funktion der einstigen Nebengebäude der Landesfürstlichen Burg.
Im Jahr 2017 kamen bei Grabungsarbeiten rund um die Landesfürstliche Burg in Meran Reste der alten Stadtmauer zum Vorschein. In der Folge wurden diese durch ein spezialisiertes Unternehmen behutsam freigelegt und dokumentiert. Das Architektenteam Höller & Klotzner wurde beauftragt, die Musealisierung der historischen Mauern zu planen. Die Fertigstellung erfolgte 2019.
Interessierte können nun die sichtbaren Mauerreste begutachten und die Landesfürstliche Burg besichtigen sowie sich mit hinreichender Literatur zum Stadtschloss und seinen Hausherren auseinandersetzen. Doch bleiben ihnen Erwähnungen und bildhafte Vorstellungen der ehemaligen Nebengebäude, die hinter der Stadtmauer angesiedelt waren und späteren Neubauten weichen mussten, weitestgehend verborgen. Allerdings existieren Pläne, die Architekt Carl Moeser (1837–1888) vor 150 Jahren gezeichnet hat und die seither im Meraner Stadtmuseum verwahrt werden.
Die sogenannte Maultaschburg und ihre Nebengebäude
Obwohl bis heute keine hinreichenden Erkenntnisse über hochmittelalterliche Vor- und Nebenbauten der Landesfürstlichen Burg vorliegen, gibt es darüber Vermutungen. Sicher ist, dass die Landesfürsten in Meran Häuser besaßen, die für die landesfürstliche Verwaltung dienten und dass bis um 1314 auch die Eintreibung der Meraner Stadtsteuer den landesfürstlichen Ämtern bzw. dem Burggrafen und Kellner oblag. Historiker Franz-Heinz Hye belegt, dass das ehemalige landesfürstliche Kellenamtsgebäude bzw. das heutige Rathaus, das sich in den unteren Berglauben befindet, urkundlich 1279 in Merano in domo domini Meinhardi comitis Tyrolis und 1317 in der Stadtordnung erwähnt wurde.
Zudem hat in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts Herzog Sigmund (1427–1496) neben dem Kellenamt auf nachweislich älterem landesfürstlichem Besitz ein Stadtquartier bauen oder umbauen lassen. Wohl deshalb hat sich in der Volkstradition der Spitzname Maultaschburg für besagtes Herrschaftsgebäude bis ins 20. Jahrhundert erhalten. Er fußt auf der Mutmaßung, dass sich bereits zu Lebzeiten Meinhards II. bzw. Heinrichs von Böhmen – Letzterer war der Vater Margarethe Maultaschs – an der Örtlichkeit, an welcher die Landesfürstliche Burg samt späteren Erweiterungen errichtet wurde, ein gemauertes Gebäude bzw. ein Wohnturm befand. Dieses Haus habe sich an die nördliche Seite der Stadtmauer angeschmiegt und als sogenannte Stadtwohnung des Landesherren gedient. Überliefert ist auch, dass Maximilian der Deutschmeister (1558–1618) als letzter Renovator des Stadtschlosses fungierte.
Danach verlor es den Charakter eines bewohnten Herrscherhauses, da es durch Anbauten beeinträchtigt wurde. Außerdem setzte man es durch einen hinzugefügten Gang mit zahlreichen Nutzbauten in Verbindung. In der Burg hatte nun der Kellner von Tirol seinen Sitz, wobei er auch für die Einhebung der landesfürstlichen Abgaben sorgte. Von 1754 bis 1784 nahm dort zudem das Kreisamt seinen Sitz ein. Mit den Jahren verfiel das Stadtschloss, bis es anfangs der 1870er-Jahre in den Besitz der Stadt Meran wechselte. Aufgrund des desolaten Zustandes kam 1875 gar der Gedanke auf, die Landesfürstliche Burg abzubrechen und den Bauplatz für ein Schulgebäude zu verwenden. Dass dies nicht durchgeführt wurde, ist David von Schönherr sowie namhaften Meraner Persönlichkeiten zu verdanken, die öffentlich dagegen protestierten und damit internationales Aufsehen erregen konnten, weshalb man letztendlich davon absah.
Die Moeser'schen Pläne
Beim Betrachten der Moeser'schen Pläne von 1875 erkennt man, dass die Landesfürstliche Burg einst durch einen Gang mit den Laubenhäusern Merans verbunden war. Das ehemalige Kellenamtsgebäude samt weiteren Häusern und Gärten erstreckte sich von den Berglauben bis an den Küchlberg. Den Unterstock des südlich gelegenen Vordergebäudes bildeten die Laubengewölbe und der Durchweg. Hinter ihnen lagen das alte Archiv, ein Holzkeller und im Westflügel die Branntweinküche sowie die alte Kanzlei. Diesem Gebäudekomplex folgte auf der Westseite ein langgezogenes Gebäude, in welchem die große Weinansetze oder Torggl untergebracht war. Im Ostflügel war dem Gegenschreiber sein Haus angesiedelt. Auf einer an der Nordseite und außerhalb des Hauses liegenden Treppe, die gleich neben der Branntweinküche begann, gelangte man über einen Gang zum Rentamte, dessen Wohn- und Schlafräume sich nach den Lauben wendeten.