Glaube (o)der Vernunft?
Im Sommer 2025 von Georg Schedereit
Ein sehr anspruchsvoller Begriff von Freiheit und den damit verbundenen Pflichten, vor Gott und vor dem eigenen Gewissen. Das hat der größte Philosoph Immanuel Kant mit einem anderen großen Deutschen gemein, mit Martin Luther. Beide, der Reformator im 16. und der Aufklärer im 18. Jahrhundert, sind gewissermaßen „Türöffner“. Türöffner zur immer weitergehenden Selbstbestimmung und Selbstverantwortung des Individuums; vielleicht auch zu Selbsterhöhung, und zu Selbstzweifel in – und an – unserer offenen Gesellschaft.
Aber ist Kant gläubig? Gläubig im innerkirchlichen Sinne nicht. Es ist eher die Ver-nunft, die er scheinbar vergöttert.
Das scheinen einige markante Sätze zu belegen. Wörtlich:
- Gott ist die moralisch-praktische, sich selbst gesetzgebende Vernunft.
- Gott ist nicht ein Wesen außer Mir, sondern bloß ein Gedanke in Mir.
- Alles, was außer dem guten Lebenswandel der Mensch noch zu tun vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden, ist bloßer Religionswahn.
Man hat Kant einen „Alleszermalmer“ genannt. Er zermalmt aber keineswegs alles am Glauben. Auch dazu drei wörtliche Zitate:
- Es ist unmöglich, dass ein Mensch ohne Religion seines Lebens froh werde ...
- Der Mensch ist nicht im Besitz der Weisheit, die allein bey Gott ist … nur ein Gott in mir, um mich und über mir.
- Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht …: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.
An letzteres, Kants „oberstes moralisches Prinzip im Menschen, das nie erlöscht“, kann man glauben oder auch nicht. Man kann es genausowenig beweisen oder widerlegen wie die Existenz Gottes.