Sokrates 6
Im Winter 2025 von Georg Schedereit
Sokrates, der konsequente Freund von lebenspraktischer Weisheit und Gerechtigkeit, räumt als erster den Fragen einer sinnvollen, harmonischen Lebensgestaltung absoluten Vorrang ein vor Unergründlicherem wie Metaphysik, Erkenntnistheorie, Ontologie usw.
So einer kann nicht nur anregen, sondern auch aufregen. Bis hin zur Anklage und zum Todesurteil als angeblicher Unruhestifter. Aber auch über seine Art Märtyrertod hinaus bleibt der ewige Fragensteller bis heute der größte Provokateur für alle, die andere Prioritäten haben.
Zum Beispiel für Friedrich Nietzsche im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Selber ein grandioser Provokateur, bewundert er Sokrates als rhetorischen „Fechtmeister“ und als „Klügsten aller Selbst-Überlister“. Aber er und sein Schüler Plato seien die ersten, die moralisierten: „Vernunft = Tugend = Glück“.
Das sei die „bizarrste Gleichsetzung“, die es gebe „und die insonderheit alle Instinkte der älteren Hellenen gegen sich hat“, so Nietzsche wörtlich. Er wettert gegen so eine, wie er sie nennt, „Besserungs-Moral“ von Sokrates. Seitdem seien gesunde Instinkte immer mehr der „décadence“ verfallen, so zieht Nietzsche dann ja auch gegen das Christentum zu Felde.