Alles in den Händen der Chines:innen
Im Herbst 2025 von Robert Asam
Der Aufstieg Merans zur Weltstadt ist nicht mehr aufzuhalten. Was noch gefehlt hat, waren Massagesalons. Also nicht irgendwelche Massagesalons, sondern solche, die einen Ganzkörperservice anbieten. Von Kopf bis Fuß sozusagen, wobei sowohl der Kopf als auch die Füße in Massagesalons eher zu den vernachlässigten Körperteilen zählen. Ist ja kein Wunder. Schließlich hat das älteste Gewerbe der Welt eine bis in die Anfänge der Stadt zurückreichende Tradition. Erinnert sich noch jemand an das Rote Haus im Steinachviertel? Wohl eher nicht, weil man sich nicht an alles erinnern kann. Liegt ja auch schon ein paar Jährchen zurück. Nach dem Krieg verlagerte sich das horizontale Treiben in Meran in Bahnhofsnähe, bis die sozialistische Senatorin Lina Merlin auf den Plan trat. Mit dem nach ihr benannten Gesetz wurden Bordelle in Italien verboten. Und dabei blieb es bis zum heutigen Tag. „In München steht ein Hofbräuhaus / Doch Freudenhäuser müssen raus / Damit in dieser schönen Stadt / Das Laster keine Chance hat“, sang die Spider Murphy Gang schon 1981. Und in Meran? Das Laster spielte sich im Kleinformat beim „Stiegenwirt“ im Plankenstein ab, im Schummerlicht, das irgendwann ganz erlosch. Der Kurstadt von Welt bleiben nur ein paar Massagesalons! Schöne Bescherung. Ob die jetzt alle zusperren? Wohl kaum, denn die Nachfrage nach Dienstleistungen unterhalb der Gürtellinie scheint ungebrochen. Wieder einmal waren die Chinesen schneller als wir. E-Autos, Chip-Produktion, Essstäbchen, das beste Stück des Mannes, alles in den Händen der Chines:innen. Eigenartig, dass trotz des offensichtlich regen Kundenverkehrs (ha, ha, noch ein Wortwitz!) niemand etwas bemerkt hat. Es brauchte den Weckruf einer aufmerksamen Bürgerin, damit das offizielle Meran von diesem Wirtschaftszweig Notiz nimmt. So gesehen kommt der Weihnachtsmarkt gerade recht. Er bringt uns auf andere Gedanken. Zwischen Bratwurst-Standl und Christbaumschmuck-Kaufhaus gibt es meines Wissens noch kein orientalisch anmutendes, rosarotes Holzhäuschen, das man betreten kann, ohne genau zu wissen, was einem geboten wird. Anstatt „Jingle bells“ und „Last Christmas“ würde uns dann die Melodie von der Pflaumenblüte umgarnen, in China ebenso berühmt wie beliebt, weil man dabei so herrlich entspannen kann. Lassen wir uns überraschen. Vielleicht schnellt in Meran die Zahl der Geschenkgutscheine für Massagen trotzdem nach oben.