Ulrike Kindl
Die Sagenforscherin
Im Herbst 2025 von Veronika Rieder
Von Meran nach Venedig
Ulrike Kindl wurde am 16.10.1951 in Meran geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte sie Germanistik, Linguistik und Mediävistik an der Universität Ca’Foscari in Venedig. Ab 1974 arbeitete sie als Assistentin und Lektorin im Istituto di Lingua e Letteratura Tedesca. Während ihrer Studienaufenthalte in München, Ostberlin und Leipzig befasste sie sich u.a. bei Prof. Helbig mit Deutsch als Fremdsprache und vertiefte linguistische und grammatikalische Themen. Schon bald interessierte sie sich für mündliche Überlieferung, besonders des ladinischen Erzählguts.
Wissenschaftliche Karriere und mehr als 140 Publikationen
1986 erhielt sie in Venedig eine Professur für Lingua e Letteratura Tedesca, später für Sprachwissenschaft und vergleichende Grammatik. Sie verfasste u.a. eine deutsche Literaturgeschichte, die immer noch als Standardwerk von vielen italienischen Germanistikprofessoren empfohlen wird, und veröffentlichte Studien zur Mediävistik, Begriffs- und Erzählforschung. Ihr „profilo culturale e umano… è eccezionalmente ricco“ bescheinigt ihr ein Kollege.
Auch nach ihrer Pensionierung blieb sie aktiv: Sie ist Präsidentin des Meraner Frauenmuseums sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Zeitschrift „Ladinia“ des Istituts Ladin Micurá de Rü (Gadertal). Die Liste ihrer Veröffentlichungen umfasst mehr als 140 Publikationen: Bücher u.a. der vollständige Codex Brandis, Beiträge, Rezensionen.
Zwei Leidenschaften: Sirenen und Sagen
Zwei Themen haben es ihr wohl am meisten angetan: das doppelschwänzige Sirenenweibchen und die ladinischen Sagen. Für ihre Studien dazu musste sie weit über ihr „Fach“ hinausgreifen in Bildgeschichte, Symbolik, Mythenforschung usw. Die Sirena bifida ist „das kleine Sirenchen, das seine beiden Fischbeine seitlich aufbiegt und zu einer sehr anmutigen Omegaform wird.“ Die Reise des Fabelwesens führt vom Zweistromland bis in die romanische Plastik. Es „schwimmt auch an der Südwand der Meraner Stadtpfarrkirche zwischen den Beinen des großen Christophorus …“ und heute begegnet man diesem Heilszeichen in der Werbung.
Mythen von der Qualität der Odyssee
Interessant für uns Südtiroler sind natürlich die ladinischen Sagen – gerade hier im Burggrafenamt, wo es am Fuß von Schloss Tirol den Ortsteil Rosengarten gibt. Vor wenigen Wochen stellte Prof. Kindl das dritte Buch zu diesem Sagenkreis vor – endgültig ihr letztes, wie sie bei dieser Gelegenheit energisch versicherte. Ohne Karl Felix Wolffs Verdienste um die „Dolomitensagen“ schmälern zu wollen, unterzog Ulrike Kindl die Überlieferungen jahrelangen tiefschürfenden Untersuchungen, mit denen sie bewies, dass diese Erzählungen weit in die vorgeschichtliche Zeit zurückreichen: „Wir haben Mythen und Welterzählungen in Südtirol, die an die Qualität der Odyssee heranreichen“, wunderbar aufgezeigt etwa an der Sage von den bleichen Bergen, hinter denen eine Mondgöttin steckt.
Veronika Rieder hat Ulrike Kindl zu einem Gespräch getroffen, in dem diese auf wichtige Erkenntnisse ihres Lebens und Forschens eingeht und Bilanz zieht.
MS: Ihr Leben und Forschen war oft widerständig – kann man das so bezeichnen?
Ulrike Kindl: Ja, durchaus und das ist auch gut so. Ein kritischer Blick auf die Welt ist notwendig, dazu sind wir Geistesmenschen da, sonst würde ja immer alles beim Alten bleiben und es gebe keine Veränderungen. Altbewährtes prüfen und bewahren, Denkbilder stets hinterfragen, Machtstrukturen – nicht nur politische, sondern vor allem ökonomische – freilegen und aufbrechen, damit sich die Gesellschaft weiter frei und selbstbestimmt entwickeln kann, Widerstand leisten, wenn Missstände überhandnehmen.