Mach es wie die Sonnenuhr …
Im Sommer 2026 von Dr. Luis Fuchs
Der Hitzealarm der vergangenen Wochen hat uns dazu gebracht, Ausschau zu halten nach Rückzugsorten, an denen die Temperaturen einigermaßen erträglicher wären. Ein Genussspaziergang den Finelebach entlang mit Abstecher zum Langfallhof oder einfach eine erfrischende Nachmittagswanderung in die kühle Gaulschlucht kommt einem in den Sinn. Was aber, wenn wir ganz woanders unterwegs sind und einen schattigen Ort aufsuchen möchten? Als Orientierungshilfe auf der Suche nach Schatten bietet sich hierbei die „Shademap.app“ an; es ist eine Online-Karte zur Visualisierung von Schatten und Sonnenlicht. Wir brauchen nur im Suchfeld die gewünschte Adresse eingeben und schon sehen wir alle Schatten rund um den Ort zur aktuellen Uhrzeit. Die App zeigt uns, wo gerade Licht einfällt oder wo es schattig ist: in der städtischen Fußgängerzone, im botanischen Garten oder mitten im Wald.
„Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten“, lautet eine gängige Redewendung. Das geflügelte Wort geht ursprünglich auf Goethes Drama „Götz von Berlichingen“ zurück. Dort lässt der Dichter seinen Götz sagen: „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.“ Im übertragenen Sinn bedeutet es: Jedes große Glück oder große Talent hat auch seine Kehrseite.
Ohne Licht gibt es keinen Schatten, und bewegt sich das Licht, bewegt sich auch der Schatten. Wandert die Sonne, wandern auch die Schatten. Nach dem Prinzip „Schatten auf Wanderschaft“ arbeitet auch die Sonnenuhr. Sonnenuhren zählen zu den bedeutenden Kulturgütern Südtirols. Sie sind uns an Kirchen, Ansitzen, Burgen und Bauernhöfen verständliche „Zeitanzeiger“, sofern wir sie auch korrekt abzulesen in der Lage sind. Manche Sonnenuhren sind mit vorwiegend lateinischen, sinnigen Sprüchen versehen, wobei als Voraussetzung auf das Sonnenlicht verwiesen wird. Auf der Hochebene Monte oberhalb Mezzocorona prangt an einem Ferienhaus der Spruch: „Sine sole sileo“, also „Ohne Sonne schweige ich“. Ein weiterer Sonnenuhr-Spruch besagt eindrucksvoll: „Si sol deficit, nemo me respicit“, d. h. „Fehlt die Sonne, beachtet mich niemand.“ Auf den Spruch „Horas non numero nisi serenas“ nimmt die bekannte Redewendung Bezug: „Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heitern Stunden nur.“ Es ist ein Aufruf, die Lebensfreude zu pflegen, Erinnerungen an glückliche Zeiten zu bewahren und das Leben trotz unvermeidlicher Schwierigkeiten als lebenswert zu betrachten.
Ein vertrautes Bild aus der Romantik ist es: ein Brunnen unter dem Lindenbaum: „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum. Ich träumt‘ in seinem Schatten so manchen süßen Traum.“ Das Gedicht „Der Lindenbaum“ von Wilhelm Müller hat Franz Schubert 1827, ein Jahr vor seinem Tode, komponiert.





