Ein junger Meraner und die alte Kunst des Schmiedens
Im Sommer 2026 von Eva Pföstl
Die Klinge schimmert in wechselnden Tönen – von Grau über Silber bis Schwarz. Hauchzarte Linien und Muster ziehen sich über den Stahl, der Holzgriff liegt anschmiegsam in der Hand, das gesamte Werkstück sorgfältig ausbalanciert. Wer ein Messer von Edoardo Re in die Hand nimmt, versteht sofort: Das ist kein Gebrauchsgegenstand. Das ist ein Versprechen.
Südtirol klagt über Talentabwanderung. Junge Menschen verlassen das Land – die Zahlen sind eindeutig, die Sorgen groß. Edoardo Re aus Meran ist zurückgekehrt. Mit einem Handwerk, das in der Region niemand sonst beherrscht, und dem festen Willen, etwas aufzubauen, das Bestand hat.
Eigentlich wollte er Tourismus studieren. In Salzburg, mit allem Ehrgeiz eines jungen Südtirolers, der die Welt sehen will. Dann kam Covid. Und mit der erzwungenen Stille eine Erkenntnis: Was ihn wirklich fasziniert, ist nicht der Gast auf dem Zimmer, sondern das Messer in der Hand. Er folgte diesem Gefühl, konsequent und ohne Umweg. 2021 landete er als Praktikant in der Adelberger Messerschmiede im Spessart, einer der letzten traditionellen Schmieden Deutschlands. Aus dem Praktikum wurde eine Lehre, aus der Lehre Verantwortung. Er war der letzte Lehrling, den Meister Roman Adelberger ausbildete. Drei Jahre lang lernte er das Handwerk von Grund auf – Stahl, Hitze, Präzision. Irgendwann leitete er selbst die Kurse.
Hier entsteht etwas Bleibendes
Heute steht Edoardo Re in seiner Werkstatt in der St.-Valentin-Straße in Meran. Er sei ins kalte Wasser gesprungen, sagt er selbst. Bereut hat er es nicht.
Was er macht, ist selten in Südtirol – genau genommen: einmalig. Den Solinger Dünnschliff, hauchdünn, präzise, mit Schneideigenschaften, die maschinelle Arbeit nicht erreicht, beherrscht hier sonst niemand. Seine Klingen entstehen aus Kohlenstoffstahl – nicht rostfrei, aber weit schärfer und langlebiger als herkömmliches Material. Geschmiedet von Hand, wie im Mittelalter. Erhitzt auf 850 Grad, in Öl abgeschreckt, zwei Stunden bei 200 Grad angelassen – damit der Stahl hart wird, aber nicht spröde. Dann Schliff, Griffkonstruktion, Feinarbeit an japanischen Wassersteinen. Für die Griffe verwendet er von heimischen Hölzern bis hin zu exotischen Materialien alles was „stimmig“ ist.
Nichts Maschinelles, nur sorgfältige Handarbeit. Jedes Messer ein Unikat.
Besonders aufwendig ist die Herstellung von Damaszenerstahl – jenem legendären Werkstoff, aus dem einst Samuraischwerter gefertigt wurden. Verschiedene Stahlsorten werden miteinander verschweißt, bis zu 200 Lagen übereinandergeschichtet. Durch gezielte Schmiedetechniken entstehen die typischen Wellen- und Rosenmuster, die nach Schleifen, Polieren und Ätzen als feine Zeichnung in der Klinge erscheinen. Jede Damastklinge ist so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck – und genau das, sagt Edoardo, macht ihren besonderen Reiz aus.
Was ihm besonders am Herzen liegt: das, was andere wegwerfen würden. Aus einer alten Lastwagenblattfeder schmiedet er eine neue Klinge. Aus Altmetall wird Handwerk. Aus dem, was für den Müll bestimmt war, entsteht etwas, das Generationen überdauert.





