Amtsübergabe und Panik in der Wahlkabine
Im Frühling 2025 von Robert Asam
Die Italiener sind ein eigenartiges Volk. Da werden innerhalb weniger Tage drei Bürgermeister verhaftet, weil sie unter Korruptionsverdacht stehen, aber Schlagzeilen macht eine neugewählte Bürgermeisterin, die sich beim Überstülpen der Tricolore-Schleife verheddert hat. Große überregionale Tageszeitungen schicken ihre Sonderberichterstatter nach Merano, wo die sindaca die noble Geste ihres Vorgängers nicht gewürdigt hat. Und dabei hatte Letzterer seiner Nachfolgerin nur zeigen wollen, wie eine Amtsübergabe funktioniert. Na ja, Amtsübergabe ist nicht ganz richtig. Es war mehr so eine nicht abgesprochene spontane Generalprobe. Und weil die sindaca auch sehr spontan ist, hat sie ganz spontan das Drehbuch umgeschrieben. Hätte sie das bloß nicht getan. Es fehlte nicht viel, und in Rom wäre der nationale Tag des Beleidigtseins ausgerufen worden. Das war dann doch nicht nötig, weil sich rechtzeitig Reinhold, der große Weise aus Villnöss, zu Wort meldete und sein Befremden über das Benehmen der sindaca zum Ausdruck brachte. Damit waren alle zufrieden, und die Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf andere, ähnlich wichtige Dinge.
Bei uns in Meran war vor allem die Stichwahl wichtig. Das war diesmal vor allem für jene eine Herausforderung, die immer so wählen, wie es die SVP gern hätte. Ich zum Beispiel. Also nicht immer, aber fast. Eher selten, um ehrlich zu sein. Ich weiß nicht, wie es Ihnen ergangen ist, aber ich bin diesmal in meiner Obermaiser Wahlkabine ziemlich ins Schwitzen geraten. Ich war plötzlich unsicher, ob ich – so wie beim letzten Mal – wieder einen gewissen Dario Dal Medico wählen sollte. Keine Ahnung, wie lange ich mit dem Bleistift in der Hand in der Wahlkabine gestanden bin und überlegt habe. In einer Panikreaktion habe ich dann ein Kreuzchen gemacht. Wo? Weiß ich nicht mehr.
Unsere sindaca aber hat jetzt ein Problem. Die Verhandlungen mit der Trikolore-Koalition gestalten sich schwierig. Die einen wollen nicht, andere werden nicht gewollt, und wieder andere wissen nicht, ob sie wollen sollen. Aber ich bin sicher, irgendjemand wird dann schon wollen. Und wenn nicht, kommt halt wieder ein Kommissar oder eine Kommissarin, so wie beim letzten Mal. Eine Amtsübergabe braucht es dann nicht. Oder doch? So gesehen eigentlich wurscht.