Freiherr Carl von Hüttner
und seine exotischen Parks in Obermais und in Sanremo
Im Frühling 2025 von Dr. Walter Egger
Neben den öffentlichen Parkanlagen entstanden in Meran zugleich prachtvolle private Gärten und Parks, die von wohlhabenden Bauherren zur Verschönerung ihrer Villen und Hotels geschaffen wurden. Zu ihnen gehört auch der Park, den Freiherr Carl von Hüttner vor rund 150 Jahren am Valentinerweg in Obermais, zwischen Naifbach und Kastaniengasse, anlegen ließ.
Rechtsanwalt und Botaniker
Carl von Hüttner war in Leipzig am 1. Juni 1822 als Sohn des königlich-sächsischen Oberpostamtsrates Christian Gottlieb Hüttner und der Agnes Theres Richter geboren. Hier übte er zunächst den Beruf des Rechtsanwalts aus. Nach dem Tod des Vaters ließ der 35-jährige Erbe 1857 in Meißen einen neugotischen, herrschaftlichen Landsitz im Sinne mittelalterlicher Ritterromantik erbauen, dem er wegen der Ähnlichkeit seines Namens mit dem Humanisten Ulrich von Hutten den Namen „Huttenburg“ gab. Anscheinend kannte er keine finanziellen Sorgen und war auf die ständige Ausübung seines Berufes nicht angewiesen. Sein Interesse, ja seine Leidenschaft galt der Natur, speziell der südländischen, tropischen Pflanzenwelt. Durch wissenschaftliche Studien und einschlägige Reisen in südliche Länder konnte sich der Naturliebhaber ein ungemein reiches botanisches Wissen aneignen, das er bei der Gestaltung seiner Parkanlagen wie auch in zahlreichen Gesprächen mit renommierten Parkbesuchern und nicht zuletzt in einer wissenschaftlichen Publikation bewies.
Quinta Funchal in Obermais
Kaiserin Sisi, die den Winter 1870/71 auf Schloss Trauttmansdorff verbracht hatte, war gerade dabei, sich von Meran zu verabschieden, als Freiherr Carl von Hüttner im Mai 1871 von Friedrich Boscarolli, dem Gutsherrn auf Schloss Rametz, ein Stück Weinacker von rund 3000 m² erwarb, um hier seinen Wohnsitz zu errichten. Er war kurz zuvor von der portugiesischen Atlantikinsel Madeira nach Meran übersiedelt. Noch im gleichen Jahr entstand auf dem Baugrund eine Villa im sogenannten Schweizerstil. Den Neubau taufte der Baron – nach der Hauptstadt von Madeira – auf den Namen „Quinta Funchal“, wobei Quinta auf Portugiesisch so viel wie Landsitz oder Landhaus bedeutet. Den Garten rundum bepflanzte er mit seltenen, größtenteils immergrünen Zierpflanzen, darunter auch mit exotischen Arten aus aller Welt; doch auch vorzügliche Obst- und Rebsorten durften nicht fehlen.
Der Meraner Historiker P. Coelestin Stampfer, der 1876 ein Verzeichnis der mehrjährigen Freiland-Pflanzen in den Anlagen von Meran veröffentlicht hat, berichtet, dass „die reichhaltige Anlage von Quinta Funchal, die vom Freiherrn Carl von Hüttner aus Sachsen mit großen Unkosten hergestellt worden war“, die höchste Anzahl von Pflanzen aufweist, die sich sonst weder in öffentlichen noch in privaten Anlagen finden. Er erwähnt dabei rund 100 einmalige Exemplare.
Villa Parva in Sanremo
Anfangs Februar 1876 veräußerte Carl von Hüttner seinen neuwertigen, auf 12.000 Gulden geschätzten Landsitz samt Garten an Moriz Reichsritter von Leon, Besitzer von Schloss Trauttmansdorff. Den Baron zog es an die sonnige Riviera in den „Winterkurort“ Sanremo, der ihm ein noch weit milderes mediterranes Klima versprach als der „Winterkurort“ Meran. Ob ihres üppigen Pflanzenwuchses wurde Sanremo nicht zu Unrecht als Palmen-, Garten- oder Blumenstadt gepriesen. In schöner Hanglage ließ sich der zugereiste Sachse eine kleine Villa, die „Villa Parva“ errichten, so benannt nach dem Spruch an der Hausfassade über dem Eingang: Parva sed apta mihi. „Klein, aber passend für mich“, das sprach für charakterliche Bescheidenheit und Mäßigung, fern jedem adeligen Dünkel und prahlerischen Reichtum. Neben der Villa legte der begeisterte und zugleich sachkundige Naturliebhaber nach und nach einen ausgedehnten terrassenförmigen Garten an, der wegen seiner exotischen Pflanzenvielfalt zu einem Vorzeigemodell von Sanremo wurde und viele Besucher aus aller Welt anlockte. Carl von Hüttner verstarb in seiner Villa am 15. Februar 1886 im Alter von 64 Jahren; sein Grabdenkmal ist erhalten. Als Witwe hinterließ er Emma Biedermann, die er zweieinhalb Jahre zuvor, am 8. Oktober 1883, in Sanremo, vermutlich in zweiter Ehe, geheiratet hatte.
Publikation „Gartenflora“
Zwei Jahre vor seinem Tod veröffentlichte Carl von Hüttner einen reich illustrierten, botanischen Führer mit dem Titel „Gartenflora des klimatischen Winter-Kurorts San Remo“. Sein Werk widmete er vorab den immer zahlreicher werdenden Kurgästen und seinen deutschen Mitbürgern, die sich zunehmend an der Riviera anzusiedeln begannen. Doch allgemein sprach er alle Naturbegeisterte an wie auch professionelle Landschaftsgärtner, die bei der Lektüre wertvolle konkrete Hinweise für die Akklimatisation tropischer Pflanzen gewinnen konnten. Die detaillierte Beschreibung der damals im mediterranen Klima wachsenden Pflanzen gilt heute als wichtiger wissenschaftlicher Beitrag zur Geschichte der botanischen Forschung im 19. Jahrhundert.
Letzthin haben C. Littardi und A. Giacobbe mit ihrem 2023 publizierten Werk „Gartenflora – La lente del barone von Hüttner sui giardini di Sanremo durante la Belle Epoque“ den Pflanzenliebhaber und Botaniker als einen der bedeutendsten Gartenpioniere von Sanremo ausführlich gewürdigt. Darin wird nicht nur Hüttners Publikation von 1884 in italienischer Übersetzung wiedergegeben, sondern sein Lebenswerk, das im Park der Villa Parva gipfelt, eingehend beschrieben und in die Geschichte der ligurischen „Gartenstadt“ eingebettet. Den beiden Autoren kommt das Verdienst zu, den vergessenen Naturforscher Carl von Hüttner wieder in ehrende Erinnerung gerufen zu haben.